- Wann muss an ADHS gedacht werden?
- Was ist ADHS?
- Wie kommt es zur ADHS, hat jemand Schuld?
- Wie ist der Begriff ADHS entstanden, welche Sichtweisen haben Diagnose und Behandlung geprägt?
- Worin besteht der Kern der Störung?
- Was wissen wir heute über ADHS und welche Bedeutung hat das für die Behandlung?
- Unsere Behandlungsziele
- Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
- Warum für den Behandlungserfolg mit Medikamenten die richtige Dosis so wichtig ist
- Warum die Behandlungsaussichten gut sind
- "Sonderfälle": ADHS bei Kleinkindern und ADHS bei Erwachsenen
1. Wann muss an ADHS gedacht werden?
- Bekommt Ihr Kind oft nichts mit, ist es mit den Augen dauernd woanders, springt von einer Sache zur andern und vergisst darüber Aufträge?
- Handelt es oft impulsiv und unvorhersehbar?
- Stört es damit häufig andere?
- Oder kann es sich nur nicht konzentrieren?
- Versteht es Sie und Andere oft nicht?
- Dauern die Hausaufgaben ewig und werden ständig unterbrochen?
- Bekommt Ihr Kind in der Schule die Sachen nicht so hin, wie Sie es von ihm von zu Hause kennen?
Wenn Sie dies bei Ihrem Kind gehäuft beobachten, muss das nicht Unwille des Kindes sein, sondern es kann die gut behandelbare Störung ADHS dahinter stehen. Die hier unterlegten Fragebögen für Kinder und Jugendliche oder für Erwachsene können einen ersten Anhaltspunkt dafür liefern, ob ein Kind, Jugendlicher oder Erwachsener von ADHS beeinträchtigt sind.
2. Was ist ADHS?
ADHS ist eine Regulationsstörung des Verhaltens. Viele Handlungen erfolgen vorschnell, viele Reaktionen sind zu heftig, vieles wird mit zu viel Kraft und Anstrengung gemacht, oft ist der/die Betroffene schon beim nächsten Schritt, obwohl der letzte noch nicht fertig ist. Die Aufmerksamkeit ist dadurch auf die Person selbst gebunden, und Vieles, was gesagt wird, wird nicht mitbekommen, auch viele Gefühlssignale der anderen Menschen werden übersehen und deshalb auch nicht verstanden, obwohl das der betroffene Mensch gar nicht so will. Manchmal sind diese Merkmale der ADHS so stark wie eine Maske ausgeprägt, dass sie die dahinter stehende Persönlichkeit verbergen und nur das störende Verhalten im Vordergrund steht.
3. Wie kommt es zur ADHS, hat jemand Schuld?
Weder der Betroffene, noch seine Familie und Umgebung sind schuld an ADHS, können aber günstig oder ungünstig auf die Entwicklung des Menschen einwirken. Bei ADHS liegt eine Störung des limitierten Kapazitätskontrollsystems des Gehirns (LCCS) vor (Birbaumer 1994). Dieses System regelt, wieviel Verarbeitungskapazität für welche einkommende Information zur Verfügung gestellt wird, und es regelt auch, welcher von hunderten vom Gehirn ständig produzierten Handlungsentwürfen verwirklicht wird.
Wenn das System gut funktioniert, verhalten wir uns angemessen, bekommen das für uns wichtige mit und nehmen die Menschen feinfühlig wahr. Unsere Handlungen sind genau mit unseren Zielen und Gefühlen abgestimmt.
Beispiel für gute Regulierung: Ich schaue den mir wichtigen Gesprächspartner an, signalisiere ihm zeitgerecht mit einem in der Stärke passenden Lächeln, dass er mir wichtig ist, und gebe eine Antwort in der Lautstärke und Tonfärbung ab, wie es zu meinen Zielen passt.
Beispiel für schlechte Regulierung: Ich schaue während des Gesprächs zu verschiedenen Punkten und stoße so meinen Gesprächspartner vor den Kopf. Ich rede viel zu heftig und zu schnell.
Wenn die Regulation dieses Systems gestört ist, dann funktionieren das hinreichende Halten der Aufmerksamkeit und die feine Abstimmung unserer Handlungen nicht mehr, mit der Folge, dass ADHS-Symptome über das normale gehäuft auftreten und den Tagesablauf und die Entwicklung des Menschen negativ beeinflussen.
4. Wie ist der Begriff ADHS entstanden, welche Sichtweisen haben Diagnose und Behandlung geprägt?
Es ist die große Leistung der Psychologie und Medizin des 20. Jahrhunderts, sich von den nicht überprüfbaren Lehren der Anfangszeit gelöst zu haben und die Störung dadurch zu definieren, das nur beschrieben wird, was auffällt und betroffene Menschen von nicht betroffenen unterscheidet.
Dadurch wurde der Zusammenhang zwischen Unaufmerksamkeit und dem störenden hyperaktiven Verhalten begriffen. Leider hat das im deutschen Sprachraum erst spät Einzug gehalten. So spricht die Kinder- und Jugendpsychiatrie mit dem Klassifikationssystem ICD 10 immer noch vom "Hyperkinetischen Syndrom", obwohl nur bei einer Minderheit der betroffenen Patienten Hyperaktivität im Vordergrund steht. Die "Träumerchen" wurden jahrelang übersehen und erhielten keine Hilfe, es gibt sie unter Jungen wie unter Mädchen. In den USA wurde dem in den 1980er Jahren mit der DSM-IIIR-Klassifikation und später der DSM-IV- Klassifikation (alle diese Merkmale enthält der Fragebogen nach DSM-IV) Rechnung getragen und deshalb von einer Störung mit vorwiegend Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität gesprochen.
In der Wirklichkeit sind bei allen betroffenen Patienten alle diese Bereiche, aber in unterschiedlichem Ausmaß gestört, so dass sich für jeden Einzelfall ein buntes Bild ergibt. Dies zu erkennen und zu verstehen, ist Aufgabe des behandelnden Arztes.
5. Worin besteht der Kern der Störung?
Funktionell ist der Zugriff auf die Selbststeuerungsfähigkeit des Menschen bei ADHS immer wieder unterbrochen, so dass er oft und vieles nicht so hinbekommt, wie er es will, und vieles nicht mitbekommt, gerade Gelerntes nur mit Lücken und deshalb nicht richtig nutzbar abspeichert oder das Gelernte ganz unter den Tisch fällt.
Wir können deshalb die Regulationsstörung in eine Störung des Zugriffs auf die eigenen Fähigkeiten übersetzen. Der gestörte Zugriff hat alle die Folgen, die unter Punkt 2 beschrieben wurden.
Beispiel: Sie haben ein Regal voller wichtiger Bücher. Die Bücher sollen ein Gleichnis sein für ihre verschiedenen (mathematischen, musischen, künstlerischen, sprachlichen...) Fähigkeiten. Weil ihr Arm zu kurz ist, kommen Sie jedoch immer wieder nicht an ein Buch dran, wenn sie es brauchen. Was könnte Ihnen helfen? Ein Instrument, was Ihren Arm verlängert, dann könnten sie immer dran, wenn sie es brauchen. Bei ADHS kann ein solches Instrument ein Medikament sein, wenn es richtig dosiert ist. Auch mit Neurofeedbacktraining erscheint dies teilweise erreichbar zu sein.
6. Was wissen wir heute über ADHS und welche Bedeutung hat das für die Behandlung?
Mit den neuen neurophysiologischen und bildgebenden Verfahren und der Durchführung prospektiver kontrollierter Studien seit den 1980er Jahren ist heute Vieles geklärt, worüber außerhalb der wissenschaftlichen Welt immer noch heftig und emotionell gestritten wird. Ihnen und Ihrem Kind soll das Wissen deshalb aber nicht vorenthalten werden, sondern für Sie nutzbar gemacht werden. Viele Vorurteile, Ängste und Befürchtungen gerade zur medikamentösen Behandlung werden durch die Fakten zerstreut.
Im einzelnen: Dass bei ADHS ein funktioneller Mangel an Überträgersubstanz oder Botenstoff Dopamin zur Signalübertragung zwischen den Nervenzellen des Aufmerksamkeitssteuerungssystem fehlt, wurde mit vielen Studien gesichert. Hauptverantwortlich dafür ist ein Überschuss am Dopaminrücktransporter DAT1. DAT1 ist erhöht bei bestimmten genetischen Varianten und auch nach durch Verletzung bedingtem Wegfall hemmender Einflüsse. Darüber hinaus gibt es bei ADHS noch weitere messbare genetische Veränderungen, so auch an den Empfängerstellen des Botenstoffs, den Rezeptoren.
Medikamente wie Stimulanzien (Methylphenidat, Amphetaminsalze) blockieren den DAT1 vorübergehend direkt. Medikamente wie Atomoxetin wirken indirekt über eine Erhöhung von Noradrenalin, bewirken aber im Endeffekt auch eine bessere Bereitstellung von Dopamin als Botenstoff für die Signalübertragung im Aufmerksamkeitssteuerungssystem.
Abbildungen, die diese Zusammenhänge erklären, können Sie in diesem pdf anschauen und herunterladen: ADHS-Neurobiologie erfordert genaue Medikamentendosisbestimmung
Hier finden Sie Informationen über Wirkungen, Nebenwirkungen und die Sicherheit der Behandlung mit Medikamenten bei ADHS.
7. Unsere Behandlungsziele
Die große Hoffnung und Verantwortung bei der Behandlung von Kindern mit ADHS ist, dass wir in einer Phase einsetzen, in der sich die Persönlichkeit entwickelt. Ob jemand mit sich selbst immer schlechte Erfahrungen macht oder spürt, dass er das hinbekommt, was er möchte, macht für das ganze spätere Leben Tag für Tag einen gewichtigen Unterschied.
Die kontinuierliche und präzise dosierte Behandlung mit Medikamenten eröffnet diesen Weg. Änderungen ungünstiger Angewohnheiten können durch die videounterstützte Verhaltenstherapie (siehe "Unser Vorgehen") in überschaubarer Zeit bewirkt werden. Biofeedback und Neurofeedback können nachhaltige weil automatisierte Verbesserungen der Verhaltenssteuerung bewirken.
Damit eröffnen sich viele Chancen, den einzelnen so zu fördern, dass er den Anforderungen einer ganz normalen Schul- und Ausbildungsumgebung gewachsen ist und mit sich selbst gute Erfahrungen macht. Das ist die Grundlage für ein realistisches Selbstvertrauen, und dieses schafft Zuversicht in die eigene Problemelöse- und Leistungsfähigkeit. Damit kann aus jedem das werden, was in ihm steckt.
wenn dies die Persönlichkeitsentwicklung prägt, dann kann später meist auf Hilfen und auch auf Medikamente verzichtet werden.
8. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Wenn die Lernsituation so umgestaltet wird, dass bei kindgerechter Aufgabenschwierigkeit wieder erlebt werden kann, dass Ihr Kind sich Mühe gibt, kann die Motivation gestärkt werden. Dies ist meist der erste Schritt in der Verhaltenstherapie.
Das Durchhalten ist dadurch für Ihr Kind und Sie aber oft nicht leichter geworden, denn der funktionelle Botenstoffmangel, der der ADHS zu Grunde liegt, besteht ja fort. Manche Kinder und Jugendliche können über die Verbesserung der Aktivierung des Gehirns durch Neurofeedbacktraining ein besseres Durchhalten und zu Ende führen von Aufgaben hinbekommen.
Für mehr als 90% aller Kinder und Jugendlichen bieten richtig dosierte Medikamente die Chance, den funktionellen Botenstoffmangel im Gehirn vorübergehend außer Kraft zu setzen und während der Wirkdauer des Medikamentes in vollem Zugriff auf ihre Fähigkeiten zu lernen und damit bessere Erfahrungen mit Sich selbst zu machen. Dies stärkt, wenn es immer wieder erfolgt, das Selbstbewusstsein. Auch der Umgang mit anderen Menschen ist währenddessen viel angemessener, so dass die andern Menschen Ihr Kind nicht mehr nur als Störenfried oder Träumerchen wahrnehmen und damit Vorurteile abgebaut werden können.
Mit Neurofeedbacktherapie bei ADHS können bleibende Verbesserungen der Aktivierung des Gehirns erzielt werden. Den Ablauf der einer Neurofeedbacksitzung zeigt folgendes Video.
Die Datei "Unser Vorgehen" enthält weitere Einzelheiten.
9. Warum für den Behandlungserfolg mit Medikamenten die richtige Dosis so wichtig ist
Wie Sie aus den Abbildungen zu Punkt 6 ersehen können, ist die Voraussetzung dafür, dass Ihr Kind sich unter medikamentöser Behandlung wohl fühlt und es die Medikation richtig für sich nutzen kann, die richtige Dosierung.
Die richtige Medikamentendosis bei ADHS sicher bestimmen, wie das geht, können Sie lesen, indem Sie auf die markierte Schrift klicken.
Derzeit überprüfen wir im Rahmen einer Studie mit Unterstützung des Fonds für Forschungsförderung der AG-ADHS der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland e.V. Langzeitwirkung und Lebensqualität bei einer solchen genauen Medikamenteneinstellung.
10. Warum die Behandlungsaussichten gut sind
Die Umgestaltung der Lernsituation und von alltäglichen Vorgängen zu Hause mit Hilfe der Verhaltenstherapie kann die Beziehung zwischen Familienmitgliedern wieder verbessern, wenn sie belastetet war, und wieder Motivation zum Lernen wecken.
Mit der genau dosierten medikamentösen Behandlung wird der kontinuierliche Zugriff auf die eigenen Fähigkeiten vorübergehend wieder hergestellt, und es kann unter dieser Bedingung erfolgreich gelernt werden, Klassenarbeiten bewältigt werden und vor allem auch das Miteinander in der Familie ohne unnötige Unruhe, Provokation und Aufbrausen von allen als schön erlebt werden, soweit nicht störendes Verhalten durch Machtgewinn belohnt wird. Ob und wann dies der Fall ist, kann die videounterstützte Verhaltensbeobachtung genau aufzeigen. Deshalb gehören Verhaltenstherapie und Medikation am besten zusammen.
Wenn über einige Jahre neue Verhaltensweisen und Strategien erworben und automatisiert wurden, dann kann ihr Gebrauch später auch ohne Medikamente gelingen, so dass die medikamentöse Behandlung beendet werden kann.
Meist ist die Medikation über die Dauer der Schulzeit günstig, die Pubertät steht der Medikation nicht im Wege, sondern Medikation erleichtert gerade in dieser Zeit, dass es nicht zum Herausfallen aus dem sozialen und dem Bildungszusammenhang kommt.
Mit Neurofeedbacktherapie bei ADHS können bleibende Verbesserungen der Aktivierung des Gehirns erzielt werden. Den Ablauf der einer Neurofeedbacksitzung zeigt Neurofeedbackdemo-hp.avi.
Wie in den Ergebnissen der internationalen Studien so konnte auch ich nach 12 Jahren, in denen wir (Unser ADHS-Team) nach "Unserem Vorgehen" arbeiten, mittlerweile Zeuge von vielen erfolgreichen Lebenswegen und Schulschlüssen von Patienten werden, deren Lebensweg zuvor von großen bis größten Problemen belastet war.
Das soll zu Recht allen Eltern und Kindern Hoffnung machen, die sich für die Überwindung des Hindernisses ADHS engagieren!
11. "Sonderfälle": ADHS bei Kleinkindern und ADHS bei Erwachsenen
Das es sich bei ADHS um eine angeborenen Störung handelt, zeigen sich bei einer Untergruppe von Patienten Auffälligkeiten schon im Säuglingsalter (schwer beruhigbar, schlechtes Schlafen, Vermeiden von Körperkontakt...) in Form einer frühkindlichen Regulationsstörung.
Welche Zeichen im Alter von 2 Jahren auf ADHS hinweisen, soll in einem Forschungsprojekt einer interdisziplinären Arbeitsgruppe von Kinder- und Jugendärzten der AG-ADHS, von Kinder- und Jugendpsychiatern und Psychologen geklärt werden, dass sich über mehrere Jahre erstreckt. Wir nehmen daran teil.
Meist wird die gestörte Regulation im Kindergartenalter deutlich. Reichen verhaltenstherapeutische Maßnahmen nicht aus, ist auch in diesem Alter die richtig dosierte Medikation eine Chance, zu der es mittlerweile auch gute wissenschaftliche Untersuchungen gibt. Im Kleinkindes- wie im Erwachsenenalter muss die Behandlung als individueller Heilversuch durchgeführt werden, da eine Zulassung von Methylphenidat als auch von Atomoxetin in Deutschland (wohl aber in den USA, Canada und Norwegen) noch nicht vorliegt.
ADHS ist eine angeborene, in seltenen Fällen auch durch Verletzungen erworbene Störung, die lebenslang besteht. Ist sie besonders stark (d.h. mit viel Impulsivität und Stimmungsschwankungen) ausgeprägt oder wurde sie im Kindes- und Jugendalter nicht angemessen behandelt, dann macht sie auch im Erwachsenenalter Leidensdruck und Beeinträchtigung. Eine Behandlung ist dann notwendig und möglich, leider ist das Wissen darum noch nicht so verbreitet. Ansprechpartner für Erwachsene sind Neurologen, Nervenärzte und PsychiaterInnen. In vielen Ambulanzen von psychiatrischen Unikliniken gibt es mittlerweile kompetente Teams. Selbsthilfe und Adressen finden Sie bei www.ADHS-Deutschland.de.
